STIMMEN VON HEILIGEN DER LETZTEN TAGE

Inklusive aller Menschen

Eine junge Schwester aus Wien ruft zu mehr Nächstenliebe auf

Sarah Soucek erinnert uns daran, dass Vorurteile und Rassismus mit den Lehren von Jesus Christus unvereinbar sind.
Sarah Soucek erinnert uns daran, dass Vorurteile und Rassismus mit den Lehren von Jesus Christus unvereinbar sind.

von Sarah Soucek, Gemeinde Wien 2

(mit besonderem Dank an meinen Bruder Elder Benjamin Soucek, derzeit auf Mission in Sibirien)

In Johannes 13:34 lesen wir, wie Jesus Christus zu uns spricht: „Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ Ich glaube, wir sind alle einverstanden, dass das eines der wichtigsten Gebote ist und dass sich das ganze Evangelium und der Plan der Erlösung auf Liebe gründen. Und weil die Liebe so essenziell ist, finde ich es wichtig darüber zu reden, wenn wir in unserem Umfeld Verhaltensweisen sehen, die dieser Liebe widersprechen. Viele, die die Medienberichte über „Black Lives Matter“ verfolgt haben, werden mir zustimmen, dass es Zeit ist, dieses Thema anzusprechen. Grundloser Hass auf Menschen, Rassismus und Vorurteile sind nicht nur verletzend – sie können auch Leben kosten.

Alle Menschen sind „als Abbild Gottes“ erschaffen. Unsere Propheten haben mehrfach betont, dass jegliche Form von Herabsetzung einer Menschengruppe/eines Menschen zu missbilligen ist, seien sie „schwarz oder weiß, geknechtet oder frei, männlich oder weiblich“, Menschen mit Behinderung oder ohne, Menschen aller Ethnien, Religionen und sexuellen Orientierungen. Alle Menschen haben Würde und Respekt verdient und Präsident Nelson ruft dazu auf, die Rechte aller Menschen zu schützen. Jesus hat sich während seines irdischen Wirkens aller Menschen angenommen, die missachtet wurden. Wir können bei uns selbst anfangen, vielleicht unbewusstes, aber dennoch diskriminierendes Verhalten abzulegen, um so unserem Erlöser ähnlicher zu werden.

Vorurteile überwinden

Wie können wir Vorurteile überwinden? Bevor mein Bruder Benjamin nach Russland auf Mission gegangen ist, hatte ich Vorurteile gegenüber diesem Land. „Es ist kalt, es ist grau, dort gibt es nur Männer und sie sind alle grimmig!“ So hat Russland in meiner Vorstellung ausgesehen. Seit mein Bruder aber dort ist, habe ich Zuneigung zu diesem Land entwickelt. Gut, es ist kalt, aber nicht immer und überall – im Mai gab es Tage, da war es bei ihm in Nowosibirsk um 10° C wärmer als bei uns in Wien. Die Farbe Grau gibt es in Russland, aber mein Bruder hat uns Bilder geschickt, wo die Sonne orange glitzernd in einem azurblauen Meer versinkt. 54% der Bevölkerung in Russland sind Frauen, also gibt es eindeutig nicht nur Männer in Russland. Es sind zwar nicht alle Menschen nett zu meinem Bruder und seinem Mitarbeiter, aber sie haben schon viele freundliche, treue und hilfsbereite Leute getroffen. 

Mit den spärlichen Informationen, die wir oft haben, versuchen wir, etwas einzuschätzen. Das ist wichtig, wenn es einmal schnell gehen muss. Mit mehr Informationen können wir allerdings bessere Entscheidungen treffen – im Handeln und im Denken. Machen wir uns also, wie wir in Lehre und Bündnisse 88:77-79 aufgefordert werden, über alles Mögliche schlau, indem wir „einander die Lehre des Reiches [...] lehren“, „damit [wir] noch vollkommener unterwiesen [sind] in Theorie, in Grundsätzlichem“ und in „dem, was daheim ist, dem, was in der Fremde ist“. Reden wir miteinander und probieren möglichst selbst etwas aus. Dadurch lernen wir die schönen Seiten des Lebens, ein Geschenk des Vaters im Himmel an uns, kennen und lieben.

Präsident Russell M. Nelson mit Rev. Amos C. Brown während einer Pressekonferenz in Salt Lake City am 17. Mai 2018.
Präsident Russell M. Nelson mit Rev. Amos C. Brown während einer Pressekonferenz in Salt Lake City am 17. Mai 2018.

Achten wir stets auf unsere Redeweise

Vielleicht ist der Ausdruck „Sprache schafft Realität“ bekannt. Also, was und wie wir reden, beeinflusst die Wirklichkeit. Hier gibt es mehrere Aspekte zu beachten. Ich zitiere 3 Nephi 12:22: „Und wer auch immer Hohlkopf zu seinen Geschwistern sagt, dem droht der Rat; und wer auch immer sagt: Du Narr, dem droht das höllische Feuer“. Ich denke, dass diese Schriftstelle auf offensichtliche Schimpfwörter zutrifft und auf alle Begriffe, die nicht freundlich, oder zumindest nicht neutral gebraucht werden. Wenn ich ein Wort verwende, das negativ behaftet ist, um etwas Neutrales zu beschreiben, werde ich irgendwann das Neutrale auch mit negativen Gefühlen betrachten. Ich liebe meine Eltern sehr, also ist das jetzt nur ein Beispiel. Aber wenn ich ab jetzt die beiden das „nervige Duo“ nennen würde, wäre ich schon bei dem Gedanken an sie genervt, obwohl sie mich noch gar nicht aktiv genervt hätten. Oder wenn ich herabwürdigende Wörter für meinen Körper benützte, würde ich irgendwann den Respekt davor verlieren oder ihn sogar hassen. 

Die Broschüre „Für eine starke Jugend“ beschreibt dieses Prinzip sehr treffend. Unter dem Punkt Ausdrucksweise steht: „Wie ihr mit anderen kommuniziert, sollte widerspiegeln, wer ihr seid: ein Sohn oder eine Tochter Gottes. Eine saubere und intelligente Ausdrucksweise zeugt von einem gesunden, wachen Verstand. Wenn ihr gute Wörter verwendet, erbaut, erhebt und erfreut das andere, und der Geist kann bei euch sein. […] Sprecht freundlich und gut über andere. Beleidigt niemanden, würdigt niemanden herab, auch nicht im Scherz. […] Wenn euch eine schroffe, kränkende Bemerkung auf der Zunge liegt: Sprecht sie nicht aus!“

Meine Bitte an uns daher ist, noch bewusster mit unserem Sprachgebrauch zu sein, und Ausdrücke zu vermeiden, die als beleidigend aufgefasst werden könnten, selbst wenn diese es für uns nicht sind.

Im Juli 2019, nach der Ermordung eines Afro-Amerikaners - George Floyd - durch einen weissen Polizisten, formulierte und veröffentlichte unsere Kirche gemeinsam mit der „National Association for the Advancement of Colored People“ (NAACP) eine gemeinsame Erklärung gegen Vorurteile und Rassismus. Im Bild: Präsident Russell M. Nelson umarmt den Präsidenten der NAACP Derrick Johnson.
Im Juli 2019, nach der Ermordung des Afro-Amerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten, formulierte und veröffentlichte unsere Kirche gemeinsam mit der „National Association for the Advancement of Colored People“ (NAACP) eine gemeinsame Erklärung gegen Vorurteile und Rassismus. Im Bild: Präsident Russell M. Nelson umarmt den Präsidenten der NAACP Derrick Johnson.

Augen-schein-lichkeit

„Sprache schafft Realität.“ Wenn ich alle Menschen nach ihrem auffallendsten Merkmal benenne, geht irgendwann der Mensch dahinter verloren. Dann würde ich vielleicht „Brille“ heißen und jedem würde meine Brille noch mehr auffallen, obwohl sie gar nicht relevant ist. Wenn jemand mein Aussehen beschreibt, dann würde die Person unter anderem sagen: „Die Sarah trägt eine Brille“, was dann okay wäre, weil es nicht als einzig definierendes Merkmal gebraucht wird und in einem Kontext, wo es wichtig wäre, dass mich jemand fremder auf den ersten Blick erkennt. Es ist allerdings immer absolut wichtig, zuerst den Menschen zu sehen und zuerst von der Person zu sprechen als von ihren Merkmalen. Dieses Prinzip demonstriert der Herr in 1 Samuel 16 sehr gut. Samuel der Prophet denkt, er müsse den König aufgrund körperlicher Merkmale auswählen. Hören wir doch auf die Zurechtweisung des Herrn: „Sieh nicht auf sein Aussehen und seine stattliche Gestalt, denn ich habe ihn verworfen; Gott sieht nämlich nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz.“

In Mosia 4:30 steht gekürzt: „[..] wenn ihr nicht achthabt auf euch und eure Gedanken und eure Worte und eure Taten […], müsst ihr zugrunde gehen. Und nun, o Mensch, denke daran und gehe nicht zugrunde.“ Lasst uns dem Beispiel von Jesus Christus und der lebenden Propheten folgen und auf eine inklusive Sprache achten.


Mit mehr Informationen können wir bessere Entscheidungen treffen – im Handeln und im Denken


Das Vorbild unseres Propheten

Präsident Nelson hat kürzlich gemeinsam mit einer Organisation, die sich für schwarze Menschen einsetzt, eine Deklaration verfasst. Diese besagt, dass die Antworten auf Rassismus, Vorurteile, Diskriminierung und Hass nicht nur von der Regierung und der Exekutive kommen werden. Lösungen werden kommen, wenn wir unsere Herzen denen öffnen, die ein anderes Leben haben als wir, wenn wir Freundschaften knüpfen und uns als Geschwister und Kinder eines liebenden Himmlischen Vaters betrachten.

Ich möchte uns alle noch einmal daran erinnern, uns aus Liebe und Nächstenliebe zu bemühen. Nur durch Liebe können Konflikte gelöst werden. Ich weiß, dass der Vater im Himmel und sein Sohn Jesus Christus uns so sehr lieben. Wir alle haben göttliches Potenzial, weil wir Kinder von Gott sind und großen Wert in seinen Augen haben. Ich glaube, wenn wir versuchen, Gott immer mehr zu lieben, dann unsere Nächsten und uns selbst, dass wir diese Schwierigkeiten überwinden können. Ich weiß, dass alle Menschen einzigartig und besonders sind, und ich habe die Hoffnung, dass wir das Misstrauen und die Vorurteile ablegen und unsere Liebe ALLEN Menschen zugänglich machen können.