Heim-Gottesdienste ersetzen die Kirchenversammlung

    Nach dem Versammlungsverbot und einer Ausgangssperre zur Eindämmung der Coronainfektionen gewinnt das Laienpriestertum an Bedeutung

    Heiligen Handlungen des Priestertums im eigenen Wohnzimmer: Abendmahlstisch mit Brot und Wasser, ein Tuch zum Abdecken und die versammelte Familie.
    Heiligen Handlungen des Priestertums im eigenen Wohnzimmer: Abendmahlstisch mit Brot und Wasser, ein Tuch zum Abdecken und die versammelte Familie.

    von Gerhard Egger, Gemeinde Innsbruck

    Die Aufforderung, alle Sozialkontakte extrem einzuschränken, trifft auch gläubige Menschen. Nach einer Unterredung von Bundeskanzler Sebastian Kurz mit VertreterInnen der staatlich anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften wurde am 13. März 2020 vereinbart, Gottesdienste auszusetzen. Das Land Tirol steht seit 15. März unter Quarantäne. Wenn gläubige Menschen, Christen, Muslime, Juden, ihre gemeinschaftlichen Gottesdienste und Gebetsversammlungen nicht mehr abhalten können, was tun sie dann?

    Die Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage trifft es zum Glück nicht so hart, denn„Priestermangel“ ist hier kein Thema. Im Rahmen unseres Laienpriestertums wird jedem würdigen männlichen Mitglied Priestertumsvollmacht übertragen, was das Leiten von Gottesdiensten und das Segnen des Abendmahls mit einschließt. In Zeiten wie diesen hat auch die österreichische Kirchenleitung allen Familien gestattet, Gottesdienste in kleinem Rahmen bei ihnen zuhause abzuhalten.

    Familie Egger, Innsbruck
    Gerhard Egger aus Innsbruck feiert zusammen mit seiner Frau Inge und ihrem jüngsten Sohn Jakob einen Heim-Gottesdienst

    In meiner Familie trage ich und fünf meiner Söhne das Priestertum, allerdings wohnt von den sieben Kindern nur noch unser Jüngster zuhause. Und so lief unser erster Sonntag im Rahmen der Ausgangssperre ab: Nach einem gemütlichen gemeinsamen Frühstück erstellten wir ein Programm für den Gottesdienst. Ein würdiger Abendmahlstisch wurde im Wohnzimmer vorbereitet. Auf ihm befanden sich in diesem Fall drei Schalen mit Wasser (anstatt Wein) und ein Teller mit einem Stückchen Brot. Das ganze wurde vor und nach dem Segen mit einem weißen Tuch abgedeckt.

    Die Versammlung wurde von mir geleitet. Nach dem Singen des Liedes „Der Herr ist mein Licht“ sprach meine Frau Inge ein Gebet. Danach wurde mit dem Lied „Süß ist dein Werk“ die Zeit des Abendmahles eingeleitet. Nach dem Lied teilte und segnete unser Sohn Jakob das Brot zur Erinnerung an das Leiden, den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Nachdem das Brot allen drei Familienmitgliedern gereicht worden war, segnete ich das Wasser zur Erinnerung an das Sühnopfer Jesu, welches im Garten Gethsemane und am Kreuz vollbracht wurde. Auch hier glauben wir in der Kirche, dass durch das sühnende Blut Christi, das aus jeder Pore seines Leibes drang, als er die Konsequenzen der Fehler und Schwächen der Menschen auf sich genommen hat, jeder Mensch, so er an Jesus Christus glaubt und von seinen Fehlern umkehrt, rein gemacht wird. Diese Voraussetzungen ermöglichen es dem Gläubigen, nach der Auferstehung in die Gegenwart Gottes zu gelangen. Das so gesegnete und geheiligte Wasser reichten wir uns untereinander zum Trinken.


    Das Abendmahl war für uns auch an diesem Sonntag der heiligste Teil des Gottesdienstes


    Das Abendmahl war für uns auch an diesem Sonntag der heiligste Teil des Gottesdienstes. Sie schließt die Verheißung ein, dass der Geist Gottes die Gläubigen begleiten und ihnen Trost und Erkenntnis zukommen lassen wird. Gerade in Zeiten wie diesen ist dies eine wunderbare Verheißung. Nach dem Abendmahl gaben unser Sohn, meine Frau und ich eine kurze Ansprache (Predigt) zu einem evangeliumsbezogenen Thema. Mit einem gemeinsamen Schlusslied und einem Gebet wurde der Heim-Gottesdienst beendet.

    Corona und Ausgangssperre hin oder her, für uns war dieser Sonntagvormittag nicht nur ein gelungener und freudiger Auftakt an diesen ersten Tag der Ausgangssperre, sondern auch eine enorme Bereicherung, die positiven und fördernden Aspekte eines Lebens im Evangelium Jesu Christi genauso mitzunehmen, als wären wir in einen regulären Gottesdienst in ein Kirchengebäude gegangen. Ich bin dankbar für diese Möglichkeit, unseren Glauben trotz Coronavirus aktiv ausüben zu können.

    Das Abendmahl mit einem weißen Häkeltuch verdeckt - ein Symbol seiner Heiligkeit
    Das Abendmahl wird zuletzt mit einem weißen gehäkelten Tuch verdeckt, das seine Heiligkeit zu symbolisiert.