Die Liebe von fünf Müttern

Aufgewachsen in Krieg, Armut, Krankheit und Lebensmittelknappheit - Gefühle eines 1945 Geborenen zum Muttertag 

Tante Mitzi umsorgte und liebte nicht nur ihre beiden Kinder auch ihren Neffen Peter (links).
Tante Mitzi umsorgte und liebte nicht nur ihre beiden Kinder, sondern auch ihren Neffen Peter (vorn).

von Peter Mayrl, Gemeinde Wien 5

Immer wenn ich an meine Mutter denke, kommen sehr glückliche, warmherzige Gefühle in meine Seele. Die Worte meiner Mutter, dass sie mich von dem Augenblick an geliebt habe, als sie wusste, dass sie schwanger war, werden meine Seele immer bewegen und erbauen! Dabei waren die Umstände in jeder Hinsicht gefährlich. Wien war das Ziel von einer Unzahl von Bombenangriffen. Und ich entsprang der Liebe zwischen einem französischen Kriegsgefangenen und einer Wienerin. Wenn das zu den Behörden durchgesickert wäre, hätte es schreckliche Folgen gehabt.

Meine Geburt erfolgte in den allerletzten Kriegstagen. Dann kam eine sehr harte Zeit auf uns zu. Es gab kaum Lebensmittel und meine Mutter war extrem unterernährt. Sie hatte auch kaum Muttermilch für mich. Doch sie und ihre Schwester bereiteten ein Getränk aus „Weizenhauch“, das sind die feinsten Teilchen von Mehl. Damit wurde ich gefüttert. Ich vertrug diese Nahrung und überlebte.

Friederike Mayrl musste wegen ihrer Tuberkuloseerkrankung ihr Kind immer wieder anderen Müttern zur Pflege überlassen. Hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1944.
Friederike Mayrl musste ihr Kind immer wieder anderen Müttern zur Pflege überlassen, da sie an Tuberkulose litt. Hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1944.
Die erste Ersatzmutter, die sich liebevoll und opferbereit um den kleinen Peter kümmerte.
Die erste Ersatzmutter, die sich 1946 liebevoll und opferbereit um den kleinen Peter kümmerte.

Nach etwa einem Jahr erhielt meine Mutter eine böse Diagnose. Sie war an Tuberkulose erkrankt! Das bedeutete, sie musste sofort ins Spital und durfte keinen Kontakt nach außen haben – auch zu mir, ihrem Kind nicht. Man suchte einen Platz für mich für die Zeit, die meine Mutter im Spital verbringen musste. Ein junges Ehepaar aus unserem Bekanntenkreis nahm mich auf – ungeachtet dessen, dass sie selbst kaum genug zum Essen hatten! Ich verbrachte etwa eineinhalb Jahre in dieser Familie. Aus Berichten weiß ich, wie sehr mich meine „Ersatzmutter“ und ihr Mann geliebt haben und wie sorgsam sie mit mir umgegangen sind. Was in den ersten Wochen ein hartes Opfer für die Beiden war, kehrte sich bald in einen Segen um. Der Mann war der Hausarbeiter in der Amerikanischen Kommandantur. Er war dort als fleißig und nett bekannt. Als seine Vorgesetzten erfuhren, welches Opfer diese Familie auf sich nahm, sorgten sie dafür, dass wir immer alle notwendigen Lebensmittel zur Verfügung hatten.

Während dieser Zeit wurde die Erkrankung meiner Mutter lebensbedrohend. Die Liebe zu ihrem Kind gab ihr jedoch den Willen und die Kraft zum Überleben. Als meine Mutter entlassen wurde, gab es einige glückliche Wochen. Es waren leider nur Wochen. Sie bakam einen Rückfall und musste wieder zurück ins Spital. So nahm mich daraufhin meine Tante „Mitzi“ in Steyr auf. Tante Mitzi war eine einfache Frau. Sie liebte ihre Kinder, wie ich es kaum in einer anderen Familie jemals gesehen habe. Sie machte da auch keinen Unterschied zwischen ihren eigenen Kindern und mir. Ich kann mich an diese Zeit nicht bewusst erinnern, weiß aber, ich habe mich dort geliebt, verstanden und geborgen gefühlt. Es dauerte wieder fast ein Jahr, bis meine Mutter vom Spital nach Hause kam.

Das Geschehen wiederholte sich. Wieder einige glückliche Wochen mit meiner Mutter vereint – und wieder musste sie ins Krankenhaus. Sofort entschloss sich die zweite Schwester meiner Mutter, Tante „Anni“, mich aufzunehmen. Ihre Wohnverhältnisse waren sehr eingeschränkt. Sie, Ihr Mann und ihre 4jährige Tochter wohnten gemeinsam mit der Mutter des Mannes und seiner Tante in einem einzigen Zimmer.

'Tante Anni' in späteren Jahren.
'Tante Anni' in späteren Jahren.

Als ich fast 5 Jahre alt war, musste meine Mutter nochmals für einige Monate ins Spital. Diesmal nahm mich ein älteres Ehepaar zu sich. Auf diese Zeit kann ich mich noch ein wenig erinnern. Die Beiden strahlten so viel Herzlichkeit aus und ich fühlte sofort uneingeschränktes Vertrauen zu ihnen. Auch in dieser fünften Familie fühlte ich mich geliebt und geborgen.

Je älter ich werde, um so mehr wird mir bewusst, welch ein Segen meine leibliche Mutter für mich war. Aber ich sehe auch den großartigen Einfluss, den meine „Ersatzmütter“ für mein Leben bedeutet haben. Ihrer Liebe und Opferbereitschaft verdanke ich es, dass meine turbulente Kindheit keine Narben in meiner Seele hinterlassen hat. Vielmehr empfinde ich es als Bereicherung „fünf Mütter“ gehabt zu haben. Mein Herz ist also voll von Dankbarkeit für diese fürsorglichen Menschen!

Ich kenne Ehepaare, die heute Ähnliches für Kinder tun, die aus irgendwelchen Gründen in Not geraten sind. Sie opfern ihre Bequemlichkeit und einen Teil ihres Wohlstandes, um für diese Kleinen zu sorgen. Manchmal wird dieses „Ersatzmutterschaft“ und „Ersatzvaterschaft“ für sie sogar zur Lebensaufgabe! Ich bewundere diese Menschen und es erfüllt mich mit Freude zu sehen, wie durch ihr Wirken „aus dem Nest gefallene“ Kinder Gottes ein erfülltes, glückliches Leben haben können!